Geschichte der »O«

Erschienen in: GO Nr. 15/2020

Zusammenarbeit mit Fabian Schwarze (Fotografie)

Die Orchidee ist die begehrteste aller Blumen. Von Oma geliebt, von Wilderern gejagt, von Sammlern millionenfach gezüchtet. Eine Spurensuche.

Zwei Löcher in der Blumenwiese. Sie sind gute zwanzig Zentimeter tief. Die Ränder wirken niedergetrampelt. Orchideenwilderer waren am Werk.

 

Der Naturschutzwart Rainer Ganzner und ich stehen in einem Naturschutzgebiet auf der Schwäbischen Alb. Um uns herum ein Meer aus Mückenhändelwurz, eine Orchideenart, die unter anderem in Deutschland heimisch ist.

 

Ich glaube, Spatenstiche an den Rändern der Löcher erkennen zu können. Jemand muss die Pflanzen mitsamt den Wurzeln entfernt haben. „Im Internet werden wilde Orchideen für bis zu 80 Euro das Stück verkauft“, sagt Ganzner und fügt hinzu: „Wissen Sie, wer es dann kauft? Die Türken! Die machen aus den Knollen ein Potenzgetränk. Das heißt Salep und dafür werden unsere Orchideen gewildert.“

 

Die Orchidee erscheint mir wie die langweiligste und spießigste Pflanze überhaupt. Sie steht in jedem gardinenbehangenen Wohnzimmerfenster, sieht immer gleich aus, immer makellos in Farbe und Form.

 

Aber eine Orchideenmafia? Im Herzen Baden-Württembergs? Birgt die Orchidee vielleicht ein Geheimnis, das ich nur noch nicht erahne?

 

Rainer Ganzner ist der erste von vielen Orchideenliebhabern, die mir noch begegnen werden. Eigentlich treffe ich ihn für eine andere Recherche, aber dann erzählt er von den Orchideen und ihrer unendlichen Vielfalt.

 

Orchideen sind fast unzählbar, dauernd werden neue Arten und Hybriden entdeckt. Die amerikanische Journalistin Susan Orlean schreibt in ihrem Bestseller „The Orchid Thief “, dass es 60.000 sind und vielleicht tausende weitere, die noch nicht entdeckt wurden oder längst ausgestorben sind. Dazu kommen 100.000 Hybriden, die durch Kreuzungen gezüchtet worden sind. Es gibt Orchideen in allen erdenklichen Größen, Farben und Formen und sie können nach Schokolade, nach Apfelstrudel oder nach Aas riechen.

 

Ich finde heraus, dass es nicht nur Orchideengruppen auf Facebook gibt, sondern auch eine Deutsche Orchideengesellschaft, die D.O.G., die wiederum in Orchideenortsvereine gegliedert ist. Es gibt Orchideenbörsen und Orchideenkonferenzen. Und über - all gibt es Orchideensammler.

 

Wo Sammler sind, ist zwar meistens auch ein Schwarzmarkt, dennoch zweifle ich an der Geschichte über türkische Orchideenwilderer. Aber tatsächlich, laut Wikipedia ist der Handel mit Salep verboten. Alle Orchideenarten sind innerhalb der EU besonders geschützt. Die Orchideenräuber sind offen - bar echt und die zwei Löcher, die ich gesehen habe, nur eine Bagatelle im Vergleich zu dem, was ich im Netz lese: Im Naturschutzgebiet Taubergießen in Südbaden wurden im Mai 2019 über dreitausend Orchideen mit Spaten ausgegraben. Baden Online schreibt von einer „organisierten Verbrecherbande“. Fünfzig Jahre würden die Arten brauchen, um sich zu erholen. Ein Schaden von 250.000 Euro. Einsatz der Kriminalpolizei Offenburg. Ich stelle eine Presseanfrage an das Polizeipräsidium und Steffen Siefert, leitender Ermittler des Orchideenfalls von 2019, lädt mich in sein Büro nach Offenburg ein.

 

Siefert ist ein großer Mann um die vier zig mit blonden Locken und einem Mund, der immer zu einem Lächeln anzusetzen scheint. Aufregung schwingt noch immer in seiner Stimme mit, wenn er von diesen zwei Wochen erzählt:

Im Mai 2019 erstattet ein Biologe Anzeige. Tausende ausgegrabene Orchideenstängel im Naturschutzgebiet Taubergießen. Offensichtlich menschliche Täter, eine besonders schwere Umweltstraftat. Dreitausend Löcher. Die Kriminalpolizei erhebt die Funkzellendaten für den Tatort. Kein Ergebnis. Dann: neue Löcher, noch mehr ausgegrabene Orchideen. Die Polizei stellt Wildkameras und Bewegungsmelder auf. Inzwischen ist das ganze Kripo-Team mit dem Orchideendiebstahl beschäftigt.

 

In der Nacht vom 17. Mai versteckt sich Siefert mit seinen Kollegen an verschiedenen Stellen im Naturschutzgebiet. Sie sind ausgestattet mit schusssicheren Westen und warten. Um vier Uhr früh zeichnet eine Wildkamera Bewegungen auf. Siefert spürt das Adrenalin, die Aufregung steigt. Es ist soweit. Die Jagd beginnt. Die Beamten stürmen aus ihren Verstecken aufs Feld. Schon aus einiger Entfernung können sie die Täter hören. Rascheln und Trippeln und Scharren. In der Dunkelheit erkennen sie Schatten und ein Verdacht wird Gewissheit: Es sind Wildschweine.

 

Zwei Wochen dauern die Ermittlungen an. Zeugenaussagen, DNA-Tests an den ausgegrabenen Stängeln, bundesweite Berichterstattung in den Medien – dann ein Täter, der keiner ist. Für Siefert frustrierend, denn: „Ein Tier ist nicht haftbar, darum ist der Fall in den Polizeiakten offiziell als ungeklärt abgestempelt. Ich hätte lieber jemanden angezeigt.“

 

„Dafür sind Sie jetzt der Orchideen-Polizist“, sage ich.

 

„Ja“, antwortet er, „der bin ich wohl!“

 

Bevor ich gehe, frage ich Siefert noch, ob er etwas über Salep wisse, jenen ominösen Orchideentrank. Siefert ist vorsichtig mit der Antwort. Er betont, wie wenig er von Orchideen verstehe. Alle Fakten habe er von Botanikern und Wissenschaftlern, die sich als Zeugen zu dem Fall geäußert haben. „Angeblich gelten die Knollen als Aphrodisiakum“, sagt er dann. In der Akte steht bei den Aussagen: „Orchideenknollen in der Türkei für das Getränk ‚Salep‘ genutzt.“

Ich habe etwas Zeit in Offenburg und finde einen türkischen Lebensmittelladen. Salep gibt es von verschiedenen Produzenten, darunter auch von Dr. Oetker. Neben Milchpulver und Zucker ist bei den Zutaten „Orchideenaroma“ vermerkt. Das klingt mir eher nach Chai-Mix als nach Potenzmittel. Ich frage mich, wie ich wohl an den echten Stoff komme.

 

Es ist erstaunlich einfach. Reines Salep-Pulver gibt es im Internet für 9,90 Euro je 40 Gramm. Das jedenfalls ist der Preis, den Georgios Kypraios auf seinem Onlineshop „Hellenic Nature“ verlangt.

 

Georgios Kypraios ist Deutschgrieche und lebt in Thessaloniki. Neben Salep verkauft er auch Trüffel und Oregano. Er vertuscht nicht, dass er für die Salep-Produktion echte, geschützte Orchideenknollen verwendet, im Gegenteil: Kypraios wirbt sogar damit.

 

Als ich Kypraios über das Kontaktformular auf seiner Website anschreibe und ihm erkläre, dass ich mich für die Herstellungsprozesse von Salep interessiere, ist er begeistert. Es sei die Schönheit des Knabenkrauts gewesen, erzählt er am Telefon, die ihm als erstes aufgefallen sei. „Dieses Lila!“, sagt er immer wieder, die Stimme voll Begeisterung. „Diese Blume ist knall-lila!“

 

Die Blume sei ihm zum ersten Mal vor etwa 15 Jahren beim Spazieren mit seiner Frau in Archangelos, zwei Autostunden von Thessaloniki enfernt, aufgefallen. Mit dem Bilderkennungstool GoogleLens fand Kypraios ihren griechischen Namen heraus: Orchis Mascula. Knabenkraut. Aus ihren Knollen wird Salep-Pulver gewonnen.

 

Im Frühjahr steckt Kypraios das Gebiet der blühenden Orchideen ab. Nur so findet er sie im Herbst wieder. Salep wird aus den verwelkten Blumen gemacht, die im Herbstwald nur noch schwer zu finden sind. Aber Kypraios kennt die Stellen, wo sie wachsen, kennt die Blätter der Orchis. Um halb fünf Uhr morgens zieht er im frühen September los, kleine Spaten im Gepäck. Seine Frau und seine Hunde begleiten ihn, manchmal auch die beiden Kinder. Gemeinsam graben sie die Orchideen aus und trennen die kleinere der beiden Knollen vom Stängel ab.

 

Eigentlich ist der Handel mit Salep verboten, alle Orchideenarten sind seit 1975 durch das Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützt. Niemand darf sie zu kommerziellen Zwecken aus ihren natürlichen Lebensräumen entfernen.

 

Aber Kypraios hat keine Bedenken, mir das alles anzuvertrauen. „Die Förster wissen, was ich da mache, die drücken ein Auge zu. Schließlich bringt meine Arbeit der griechischen Wirtschaft etwas.“ Eine Knolle lasse er am Stängel dran und pflanze die Blume wieder ein. „Mir bringt das nichts, wenn die Orchideen nächstes Jahr nicht mehr wachsen.“

 

Orchideen, erzählt er mir, wachsen nur in Symbiose mit einem Pilz und das auch wiederum nur, wenn die Erdbeschaffenheit nicht zu feucht oder zu fettig ist. Eine wilde Orchidee im eigenen Garten zum Blühen zu bringen, ist deshalb fast unmöglich.

 

Aus Deutschland beziehe er keine Orchideen-Knollen. „Viel zu teuer“, meint Kypraios. Aus einer einzigen Knolle gewinne er höchstens drei Gramm Salep-Pulver, jedes Jahr sammle er etwa vier Kilogramm Orchideenknollen ein. Zu seinen Kunden gehören neben Privatpersonen vor allem Lebensmittelhändler in ganz Europa, die den Salep mit Zimt, Ingwer und Zucker mischen und ihn als fertige Getränkemischung weiterverkaufen.

 

Die Kunst des Salep-Brauens hat Kypraios 2006 bei einem Mönch des Archangelos-Klosters gelernt. Er schält und kocht die eingesammelten Knollen auf, bis ihre ätherischen Öle auf dem Wasser schwimmen. Das ist wichtig, denn: Die Orchis Mascula stinkt ganz grauenhaft. Kypraios lässt die Knollen zwei Wochen in einem eigenen Raum trocknen, bis sie hart sind und er sie zu Pulver mahlen kann. Selbst dann ist der faule Geruch noch nicht verdrängt. „Deswegen mischen wir am Ende Zimt und Ingwerpulver dazu“, erklärt er. „Sonst schmeckt Salep wie Kuh-Dung!“

 

Als ich später einen gehäuften Teelöffel voll Salep-Pulver mit heißer Milch mische, wird die Masse sofort dickflüssig. Ich erinnere mich, dass mich Kypraios gewarnt hat, zu viel Pulver mache aus dem Getränk einen Pudding. Wie Mist schmeckt der Salep jedenfalls nicht. Eher nach Milchreis – und sehr viel Zucker.

 

„Salep ist auch heute noch ein Potenzgetränk“, sagt Kypraios. „Aber das wissen die meisten Leute nicht mehr und trinken ihn nur noch zum Genuss.“

 

Der Glaube, Orchideenknollen hätten eine aphrodisierende Wirkung, kommt von ihrer hodenähnlichen Form. Daher auch der Name: Orchis bedeutet auf Griechisch Hoden.

 

Dass Orchideen irgendwie sexy sind, kann man ihnen nicht absprechen. Nahaufnahmen ihrer Blüten schmücken die Titelseiten des Erotika-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“, sie sind ein Sinnbild für Weiblichkeit, Autoren aus aller Welt beschreiben Orchi - deen als „betörend“ und „verführerisch“.

 

Viele Sammler und Züchter, mit denen ich im Laufe meiner Recherche spreche, sind der Orchidee regelrecht verfallen. Sie reden von der Blume mit derselben Leidenschaft, derselben Hingabe, als wäre sie ihre Geliebte. Über Facebook stoße ich auf Roland Amsler: Den Sammler der Sammler.

 

Amsler ist 52 Jahre alt und lebt in der Schweizer Gemeinde Sirnach, ungefähr dreißig Kilometer entfernt von der deutschen Grenze. Er trägt immer den gleichen ernsten Gesichtsausdruck und immer die gleiche graue Shorts mit Flecken und Rissen. Seine Sammlung schätzt er selbst auf 120.000 bis 150.000 Pflanzen aus 6.000 Arten, „vielleicht auch mehr!“

 

Amslers Gewächshaus befindet sich am Dorfrand von Sirnach neben einer Baumschule und einer Kaktusgärtnerei. Die Pflanzen stehen in Töpfen auf Regalen und hängen von Drahtgestellen, auf Korkbretter und Rindenstücke gebunden, dicht an dicht, manche sehen aus wie Lianen, andere wie Sträucher, ein Urwald auf 1.200 Quadratmetern Fläche.

 

Als ich Amsler zum ersten Mal besuche, ist er gerade in das Bestäuben zweier Bulbophyllum-Orchideen vertieft. Tief über einen runden Tisch gebeugt schiebt er einen Zahnstocher unter den Pollen der fingernagelgroßen Blüte auf dem Korkbrett vor ihm, seine Hände daneben groß wie Klauen. Das Pollinium bleibt an der Spitze des Zahnstochers kleben. Amsler stützt die Blüte einer zwei - ten Blume mit dem Zeigefinger und schiebt ihr den Zahnstocher mitten ins Herz, lang - sam und mit festen Fingern. Das Pollinium bleibt auf der klebrigen Narbe liegen. Mit einem zufriedenen Seufzen zieht Amsler den Zahnstocher wieder heraus. „So funktioniert Orchideensex“, sagt er, ohne den Blick zu heben. Dann lacht er hell auf. „Zum Glück ist es den Blumen nicht peinlich, dass Sie gerade dabei zugeschaut haben!“

 

Als Roland Amsler mit Anfang 20 sei - ne Frau kennenlernte, kaufte sie ihm eine Encyclia Amicta. Diese Orchidee wächst nicht im Topf, sondern epiphytisch, also auf Baumrinden. Ihre Wurzeln wachsen in der Luft. Um Amsler war es geschehen: „Als ich diese Orchidee sah, dachte ich: Das ist genial! Wie genügsam die auf diesem Brett wächst, wie schön die ist! Damit fing die Sucht an.“

 

Jeden Tag verbringt Amsler viele Stun - den damit, seine Sammlung zu gießen. Dabei berührt er Blätter, Wurzeln und Blüten. Manchmal beugt er sich zu einer Blume hin, riecht an ihr. Es ist Amslers Art, mit den Pflanzen zu kommunizieren.

 

Einmal führt mich Amsler zu einer schlanken, feurig rot-orangen Orchidee im hinteren Teil des Gewächshauses. Ihr Name sei Psychopsis und er spüre ihre Aura. Er dreht die Blume zu mir, sodass mich ihre offene Blüte anstarrt. „Die Symmetrieachse einer Orchideenblüte ist die gleiche wie die des menschlichen Gesichts“, erklärt er. „Das macht ihre Aura so stark.“ Dann schließt er die Augen, atmet tief ein und sagt: „Ihre Aura nimmt mich ein, sie kommt wie eine Welle über mich, sie dringt in mein Unterbewusstsein und schafft Ordnung.“

 

„Was ist mit einer Seele?“, frage ich. „Glauben Sie, dass Orchideen eine Seele haben?“ Amsler antwortet nicht sofort. Er legt den Kopf leicht schräg, dann sagt er sehr langsam: „Wenn ich sehe, wie effizient Orchideen Insekten ausnutzen und zur eigenen Arterhaltung missbrauchen, dann glaube ich, ist die Orchidee weiterentwickelt als das Insekt.“ Er hält kurz inne und blickt mir in die Augen. „Wussten Sie, dass Orchideen auch Kolibris anlocken? Und würden Sie sagen, dass ein Kolibri, ein Vogel, eine Seele hat? Dann hat auch die Orchidee eine.“

 

Ich besuche Amsler insgesamt dreimal, jedes Mal verlasse ich ihn mit mehr Fragen als Antworten. Gibt es vielleicht gar kein großes Orchideen-Geheimnis? Ist da nur der alte Sammlerirrsinn, gemischt mit esoterischen Glaubenssätzen?

 

Alleine ist Amsler in seinem OrchideenEnthusiasmus jedenfalls nicht. 2013 betrug der Umsatz des deutschen Orchideenhandels 440 Millionen Euro. 2019 waren 34 Prozent aller in Deutschland verkauften Zimmerpflanzen Orchideen, damit ist sie die beliebteste Zierpflanze überhaupt. In Supermärkten gibt es sie bereits für magere fünf Euro. Einst ein exotisches Prestigeobjekt, ist die Orchidee heute zur Massenware geworden.

 

Amsler spricht von „Wegwerf-Orchideen“, in deren Aufzucht keine Hingabe mehr steckt. Diese Blumen würden am Fließband hergestellt, sie blühten nur eine Saison und drückten den Marktpreis nach unten. Ein dystopisches Bild. Ich beschließe, der Sache auf den Grund zu gehen.

 

An einem Donnerstagmorgen im September besuche ich das Orchideenzentrum Celle. Ich finde mich in einem Verkaufsraum voller identischer Blumen wieder, Pink und Weiß und Lila. Dazwischen Zubehör jeder Art: Homöopathisches Orchideenelixier, Tassen mit Orchideenmotiven, Servietten, Grußkarten.

 

Christian Wichmann, Inhaber und Firmenleiter in vierter Generation, holt mich zwischen den Blumen ab. Er hat kurze, an der Seite gescheitelte Haare und ein rundes Gesicht, das ihm trotz seiner 45 Jahre etwas Jungenhaftes verleiht.

 

Das Orchideenzentrum, erzählt mir Wichmann, wurde 1897 gegründet und ist eine der ältesten Orchideengärtnereien Deutschlands. Dann präsentiert er mir stolz die Zahlen: 9.000 Quadratmeter Gewächshäuser, 80.000 Topfpflanzen, 40.000 Vanillepflanzen, ja, auch das sei eine Orchidee, daneben außerdem 30.000 Grünpflanzen.

 

Durch eine Schiebetür betreten wir das erste Gewächshaus, vor uns ein grünes Meer. Es sind Jungpflanzen, das erste Blühen liegt noch vor ihnen. Sie sind aus Zellkulturen ihrer Mutterpflanzen in einem separaten Labor gezüchtet worden. Etwa zwei Jahre dauert dieser Prozess bereits. Bis sie aussehen wie ihre Mutterpflanzen kann nochmal ein Jahr vergehen.

 

Orchideen wachsen nur sehr langsam. Zwei bis fünf Jahre dauert es, bis sie zum ersten Mal blühen, fast zehn Jahre, bis eine neue Art soweit entwickelt ist, dass sie auf den Markt kann. Darum ist die Orchideenproduktion in Deutschland verhältnismäßig klein.

 

Wichmann beliefert vor allem Gartencenter und Blumengeschäfte, für Supermärkte reicht seine Produktion nicht. Die meisten Orchideen, die man in Deutschland kaufen kann, kommen aus den Niederlanden.

Im Gewächshaus ist es schwül und riecht nach Urwald: grün und üppig und feucht. „Diese Orchideen brauchen gute 75 Prozent Luftfeuchtigkeit“, erklärt Wichmann.

 

Was Amsler von Hand machen muss, ist bei Wichmann computergesteuert. Stolz erzählt er von den Sensoren, die Temperatur, Licht und Feuchtigkeit regulieren.

 

„Willkommen in unserem Schönheitssalon“, sagt er und öffnet eine weitere Schiebetür. Es ist hier kühler, die Orchideen blühen bereits. Lila, weiß, gelb: Die Phalaenopsis.

 

Die Phalaenopsis ist die meistverkaufte Orchidee überhaupt, kaum eine Blume ziert so viele Fensterbänke wie sie. Keine andere Orchidee dient so oft als Mutterpflanze in der Hybridenzucht. Diese Blütenform mit dieser Farbe und umgekehrt, vielleicht auch eines Tages eine blaue Phalaenopsis. Weil es die Farbe in der Natur nicht gibt, ist es fast unmöglich, sie durch Kreuzungen zu schaffen.

 

Orchideen züchten kann jeder leidenschaftliche Orchideensammler, für einen Nährboden reicht eine Mischung aus AgarAgar, Kartoffel- und Zitronensaft, Stärke, Würfelzucker und Dünger. Tutorials, wie das Zellmaterial der Orchideen darauf ausgesät werden muss, sind im Internet weit verbreitet.

 

In den Ortsvereinen der D.O.G. kommen solche Hobbyzüchter zusammen. Die „Orchideenfreunde“, wie sich die baden-württembergische Gruppe nennt, treffen sich jeweils am zweiten Freitag des Monats in Denkendorf bei Stuttgart, bringen ihre schönsten Orchideen mit und zeichnen sie aus.

 

Ein sechsköpfiges Komitee sitzt bereits über den Bewertungsbögen, als ich an diesem Freitagabend im September die Festhalle betrete. Neben ihnen steht ein Wäscheständer, an dem zehn Orchideen mit Drähten aufgehängt wurden. Jede Blume ist mit einer Nummer versehen.

 

Es wird still. 35 Augenpaare blicken nach vorne. Zwei Vertreter des Bewertungskomitees halten die Orchideen nach und nach in die Höhe und zeichnen sie aus. Silber für eine besonders gesunde Wurzel, Bronze für eine gelungene Hybride, nochmal Silber für eine prächtige Blüte. Und dann: Gold.

 

Gold für eine fünfundzwanzigjährige Orchidee mit hunderten winzigen, gelben Blüten. Sie ist auf ein Brett gebunden und gleicht eher einem Gebüsch als der langweiligen Pflanze auf den Fensterbänken.

 

„Es beginnt immer mit einer einzigen Orchidee“, raunt mir ein Mann zu. „Inzwischen geht mir in der Wohnung der Platz aus. Glauben Sie mir: Auch Sie werden noch süchtig!“

 

Allmählich beginne ich das zu glauben. In der Orchidee liegt nämlich eine Spannung: Wer Hybriden züchtet, muss fast zwei Jahre warten, bevor er zum ersten Mal ihre wahre Blüte sieht. Manche Orchideen blühen nur nachts, andere nur vormittags zwischen zehn und zwölf, die Stanhopea sogar nur wenige Tage im Jahr.

 

Ich frage mich, ob diese Formel, die vielleicht das Geheimnis der Orchidee begründet, auch auf die spießig-perfekten Orchideen auf den Fensterbänken zutrifft.

 

In einem Orchideenforum lerne ich Simone Täubig kennen. Sie ist Hausfrau, Mutter und Verkäuferin und wohnt in einer Dreieinhalbzimmerwohnung in Hannover. Sie liebe Orchideen, erzählt sie am Telefon, der Platz reiche allerdings nur für zwei Fensterbänke voll. Ich frage, ob ich vorbeikommen darf.

 

Etwa fünfzehn Orchideen stehen in Täubigs gardinenbehangenem Wohnzimmerfenster, räkeln sich im Licht der herbstlichen Mittagssonne. Weiße und rosa Blüten, ihre Wurzeln in durchsichtigen Töpfen.

 

Wir plaudern, Täubig erzählt mir von ihren YouTube-Videos, in denen sie über Orchideenpflege spricht und ihren heiligen Tag, den Sonntag, wenn sie ihre Orchideen badet. Sie erzählt von der Vielfalt, von Farben und Formen und Düften, von der Freude, sie zum Blühen zu bringen, dann hält sie inne, blickt auf ihre mit Orchideen bedruckten Hausschuhe. „Ich werde nie nach Brasilien oder Thailand reisen können, wo die Phalaenopsis herkommt. Aber wenn ich meine Orchideen pflege, dann fühle ich mich, als wäre ich dort, und es gibt nichts anderes als die Blumen.“ Als ich mich verabschiede, glaube ich, es endlich verstanden zu haben.

 

Eine Orchidee ist erst perfekt, wenn sie blüht, und den Moment dieser Blüte zu erleben, ist ein kleiner Adrenalinschub für ihre Liebhaber. Sie leben und atmen mit der Orchidee, stellen sie an den schönsten, sonnigsten Platz in der Wohnung. Indem sie blüht, belohnt die Orchidee die Menschen.