Von Computermäusen und Menschen

Im Technikmuseum Enter in Solothurn sammelt Felix Kunz seit dreissig Jahren technische Geräte aller Art. Neben Computern, Radios und Flipperkästen schlummern in den Vitrinen auch die ersten Computermäuse. In der Schweiz geboren, revolutionierten sie den Computer.

Ein Kursraum, Mitte der Neunzigerjahre. Felix Kunz steht vor der Klasse und seziert eine Maus. Stück für Stück zerlegt er sie in Einzelteile, reiht ein Organ neben das andere auf den Tisch vor ihm, dann blickt er in die Gruppe. «Seht ihr? Gar kein Tier drin!»

 

So ungefähr dürfte sich der Abendkurs für Sekretärinnen im fortgeschrittenen Alter abgespielt haben, als Felix Kunz, heute Direktor des Technikmuseums Enter in Solothurn, die Computermaus vorstellte. Viele Frauen taten sich schwer damit, von der gewohnten Schreibmaschine zum Computer zu wechseln. Besonders mit der Computermaus freundeten sie sich nur ungern an. «Als diese Frauen das Wort Maus hörten, dachten sie, die springt umher!», erinnert sich Kunz heute. «Also nahm ich sie erst einmal auseinander, um den Damen zu beweisen, dass da wirklich kein Tier drin ist!»

Herr Kunz baut einen Computer

Das Technikmuseum Enter zeigt heute eine der grössten und vielfältigsten Sammlungen technischer Geräte in ganz Europa. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, ein Gang durch die Entwicklung der frühesten Computer, Telefone und Radios, ein Zeitstrahl, der hier summend und brummend am Leben erhalten wird.

 

Technik war schon immer das grosse Versprechen für ein schillerndes Morgen. Das Enter-Museum scheint dagegen erst einmal grau. Grau in Grau, wenn man es genau nimmt, denn auf dem grauen Linoleumboden stehen graue Regale, auf denen graue Apparate liegen, über denen graue Rohre einer grauen Decke entlanglaufen. Alles in das blasse Licht von Neonlampen getaucht. Ein ihr eigener Charme geht von der Ausstellung aus, eine Mischung aus Nostalgie und künstlicher Intelligenz. In ihrer Mitte steht Felix Kunz, ebenfalls in Grau gekleidet, ebenfalls ein Teil der Sammlung. Er redet in knappen Worten, aber dasselbe Summen, das von tausend Geräten zu hören ist, scheint auch von ihm auszugehen; eine vibrierende Energie, wenn er über seine Leidenschaft spricht.

 

Felix Kunz war sechzehn, als er seinen ersten eigenen Computer baute. Die Bauteile organisierte er sich brieflich über amerikanische Lieferanten. Zwei Monate musste er warten, bevor die Bauteile bei ihm in der Schweiz eintrafen. Doch seine Geduld zahlte sich aus: Als er in den 80er-Jahren an der EPFL studierte, hatte Kunz als erster Student ein Textverarbeitungsprogramm – sehr zum Neid seiner Dozenten. «Im Auto nahm ich den Beifahrersitz raus», erinnert er sich. Die Freude über seinen frühen Pioniergeist ist förmlich zu spüren. «Ich hatte eine Vorrichtung, um den Computer zu befestigen, so nahm ich ihn mit in die Hochschule. Der hielt die ganze Zeit!» Kunz wusste sich seine Leidenschaft zu eigen zu machen: Noch in seinem letzten Hochschuljahr begann er, die Maschine seriell zu produzieren und zu verkaufen. Ungefähr zur selben Zeit begann Kunz auch mit dem Sammeln von Geräten. Das gleiche Schema: Ein Hobby, später ein Beruf. Seit 2003 ist die Sammlung öffentlich zugänglich.

 

Jeden Tag gilt es, neue Geräte zu begutachten, die an das Museum gespendet werden. Hat Felix Kunz ein Lieblingsstück? Fast, fast, entlockt ihm die Frage ein Lächeln. Es ist der erste Apple-Computer, eines von nur 200 Geräten, die produziert wurden. Davon sind heute weniger als zehn Stück im Umlauf. Weltweit. Und eines steht hier, im Enter-Museum in Solothurn.

Eine Maus startet durch

Zwischen meterhohen Computerschränken und flackernden Bildschirmen geht eine der wichtigsten Erfindungen der Computergeschichte in ihrer Alltäglichkeit beinahe verloren: Die Computermaus. In verschiedenen Ausführungen liegt sie da, halbrund, rund, dann wieder vollkommen unförmig, das Kabel wie einen Schwanz um ihren Körper gerollt.

 

Als sie in den 1960er-Jahren zum ersten Mal aus den Entwicklerwerkstätten sprang, erregte die Maus die Gemüter nur wenig. In den darauffolgenden Jahrzehnten würde sie das mühsame Eingeben von Befehlen über die Tastatur durch den simplen Mausklick ersetzen, aber noch war sie teuer und unpraktisch: Schloss man sie am Computer an, dann passierte nämlich erst einmal überhaupt nichts. Denn um die Maus richtig verwenden zu können, musste erst ein Programm geschrieben werden, mit dem die Befehle dem Computer übermittelt werden konnten. Sie war ein Spielzeug für Profis. Auch Kunz programmierte über Monate hinweg nächtelang, bis er überhaupt einen einfachen Strich zeichnen konnte. Die Maus erleichterte das grafische Arbeiten am Computer ungemein: Was sie auf dem Bildschirm zeichnete, konnte auch genauso gedruckt werden. Vor ihrer Erfindung zeigten Computer nur eine Einheitsschrift auf dem Bildschirm an, programmierte Spezialschriften kamen erst auf dem Drucker zum Vorschein, Freihandzeichnen war undenkbar.

 

So richtig an Beliebtheit gewann die Maus erst in den 1980er-Jahren, als die Schweizer Firma Logitech, gegründet in der Gemeinde Apples im Kanton Waadt, in Zusammenarbeit mit dem EPFL-Professor Jean-Daniel Nicoud eine runde Computermaus mit drei Knöpfen schuf, die schliesslich von Apple eingekauft und vermarktet wurde. Kostengünstig(er) und benutzerfreundlich(er) rollte sie plötzlich auf der ganzen Welt über die Schreibtische.

«Digitaler Gedächtnisverlust»

Die Sammlung des Enter-Museums ist die Berechtigung eines ungezähmten Sammlers, seiner Leidenschaft keine Grenzen setzen zu müssen. Zugleich wohnt ihr aber auch ein ungeheurer Mehrwert inne: Felix Kunz und sein Team können Daten sichern.

 

Digitale Daten sind sehr vergänglich; die Wissenssendung Einstein von SRF stellte im Mai 2019 die kryptische Prognose, der Menschheit stünde ein «digitaler Gedächtnisverlust» bevor und uns drohe gar, eine «Welt ohne Geschichte» zu werden. Kein Datenträger der Gegenwart ist als Archiv für die Ewigkeit gedacht, was im starken Kontrast zu Höhlenzeichnungen aus der Steinzeit steht. Was passiert mit den digitalen Bildern von der Welt, wie wir sie kennen, mit den Geschichten, die wir schreiben, den Dokumenten, die bezeugen, dass wir einmal da waren? In einem Zeitalter, in dem die Technik bereits veraltet ist, während sie noch über die Ladentheke gleitet, wird es zunehmend schwerer, auf alte Dateien zuzugreifen. Eine alte Harddisc zum Beispiel lässt sich zwar womöglich noch mit dem Computer verbinden, aber ohne die nötige Software dazu sind die gespeicherten Dateien nicht mehr abrufbar.

 

Enter nimmt deswegen jede Art von Datenträger entgegen. Mit der richtigen Kombination aus Datenträger, Lesegerät und Betriebssystem kann längst Verlorengeglaubtes wiederhergestellt werden.

Maschinen an die Macht!

Violetta Vitacca ist Felix Kunz’ rechte Hand. Sie ist die Leiterin des Museums Enter und das gesprächigere Pendant seines Gründers. Wenn sie über die Bedeutung der Sammlung spricht, über ihre Einzigartigkeit und ihre Funktion im Dokumentieren der Schweizer Technikgeschichte, dann scheint der ganze Raum auf einmal weniger grau. Ist es nicht aufregend, vor der ersten Schweizer Radiostation von 1923 oder dem Apple I, dem ersten Apple-PC überhaupt, zu stehen? Wo gibt es so etwas sonst schon?

 

«Was wir hier sehen, sind im Grunde alles Vorgänger der Apps, die wir heute auf dem Smartphone haben», sagt Vitacca. Sprachübermittlung, Telefonie, Textverarbeitung, Audio- und Videoproduktion – was heute über den Touchscreen aufrufbare Applikationen sind, waren früher einmal schwere Geräte.

 

Enter ist eine Zeitkapsel, in der Menschen vielleicht dem alten Radio der Grossmutter wiederbegegnen oder noch einmal den Taschenrechner aus ihrer alten Schulzeit in den Händen halten können. Es haften Erinnerungen an diesen Geräten. Das Enter-Museum ist ein langer Blick zurück. Aber was sagt der Blick nach vorne? «Wir sind Teil einer Entwicklung, die niemals abgeschlossen ist», meint Violetta Vitacca. «Sie geht ständig weiter.» Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung nimmt dauernd zu und ihre Folgen sind nur schwer abzuschätzen. Science-Fiction-Autorinnen und Zukunftssatiriker prophezeien uns eine Welt der selbstfahrenden Autos, sprechenden Kühlschränke und Android-Politiker. Sie kreieren damit eine Welt, die ganz dem Pragmatismus verfallen ist, die so sehr nach Perfektion und Präzision strebt, bis die Maschinen die Menschen ganz ablösen.

Werden die Maschinen uns tatsächlich ersetzen? «Natürlich!» Aus Violetta Vitaccas Mund klingt die Prognose mehr optimistisch als bedrohlich. Sie sieht in den technischen Entwicklungen vor allem den Pioniergeist der Zeit: «Wir brauchen diesen Pioniergeist, um die Zukunft zu gestalten», beharrt sie. Was die Technik heute kann, hätte sich in den 1950er-Jahren niemand vorstellen können. Genauso wenig, glaubt Vitacca, können auch wir uns vorstellen, was in siebzig Jahren sein wird. «Je weiter die Technik voranschreitet, desto mehr werden die menschlichen Fähigkeiten wieder da eingesetzt werden, wo sie wirklich sinnvoll sind. Der Mensch ist dafür gebaut, vernetzt zu denken, mit anderen Menschen zu interagieren, sich neue Dinge auszudenken! Genau das sind doch die menschlichen Fähigkeiten, die man auch weiterhin einsetzen kann. Repetitive Arbeiten zu verrichten ist dagegen für niemanden ein erfüllender Lebensinhalt.»

 

Felix Kunz nickt beipflichtend. Er fügt die Vorteile der modernen Technik in der Medizin an. Vielleicht sind ja irgendwann Gehirntransplantationen dank Robotergehirnen möglich? Der Gedanke stimmt sie beide fröhlich. So viele Möglichkeiten, die noch vor uns liegen, so viele schillernde Versprechen eines besseren, technischeren Morgen.