Jaqueline Schreiners Bügelstube:

Saubere Arbeit

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 25. November 2020

Beitragsfoto: Gottfried Stoppel

Jaqueline Schreiner  hat sich in einem aus der Mode gekommenen Beruf selbständig gemacht:

Die 59-Jährige wäscht  und bügelt.

Es knarrt und summt, es piepst und zischt. Bügeleisen und Mangelmaschine klingen eher nach einer kleinen Baustelle als nach heimeligem Haushalt. Jaqueline Schreiner legt das Eisen zurück auf eine hitzebeständige Matte und hebt die Bluse hoch, die sie gerade glättet. Schüttelt sie aus, zupft die Naht zurecht, legt sie wieder hin. Weiter geht’s. Es summt, piepst und zischt.

Für Jaqueline Schreiners Beruf gibt es keine wirkliche Bezeichnung. „Bügelfrau“ vielleicht. Oder „Büglerin“. In ihrer Bügelstube in der Tübinger Innenstadt nimmt sie Hemden, Unterhosen, Bettlaken die Falten. Körbeweise stapelt sich die Wäsche in der ganzen Wohnung, die sie nur für ihre Arbeit gemietet hat. Es riecht nach gewaschener Baumwolle. Dieser saubere Geruch nach heiler Welt.

Jaqueline Schreiner ist 59. Ihre braunen Haare fallen in sanften Wellen auf die Schultern, die Augen hält sie konzentriert auf das Bügelbrett gerichtet. Wenn sie redet, strahlt sie eine Wärme aus, mit der das Zimmer erst zur echten Mangelstube wird. Das Bügeln sei schon immer ihre Leidenschaft gewesen, sagt sie. „Für manche mag das seltsam klingen, aber es stimmt. Es ist eine so saubere Arbeit.“

Jaqueline Schreiners Vater starb, als sie noch ein Kind war. Er hatte als Feinbaumechaniker gearbeitet und mit seinem Gehalt die Familie ernährt. Ohne Berufsausbildung und mit vier Kindern zu Hause tat die Mutter nach dem Tod des Mannes das Wenige, was sie tun konnte: Sie bügelte die Kleider ihrer Nachbarn und sicherte sich damit ein bescheidenes Auskommen.

 „Wir hatten nicht einmal ein Bügelbrett zu Hause“, erinnert sich Jaqueline Schreiner. „Meine Mutter musste die Wäsche auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten.“ Sie selbst war damals zehn und noch zu jung, um der Mutter bei der Arbeit zu helfen. Sie schaute zu. Die im- mer gleichen Bewegungen begeisterten sie. Der hypnotische Takt der Arbeit. Das sanfte Zischen des Dampfbügeleisens.

Die Wäscherei und Bügelstube ist ein Familienprojekt. Tochter Katharina ist als Teilzeitkraft angestellt, Sohn Florian als Minijobber. Jaqueline Schreiners Mann fährt größere Aufträge aus. Mittwochs macht die Schwiegermutter, die in der Wohnung über der Bügelstube lebt, für alle Pfannkuchen. Selbst Mina, die zweijährige Enkelin, turnt um die Bügelbretter und Mangelmaschinen herum. An- und ausschalten kann sie die Geräte bereits.

Jaqueline Schreiner hat ihre Stube vor neun Jahren ins Leben gerufen. Es war schon immer ihr Ziel, sich selbstständig zu machen. Eigentlich träumte sie von einem kleinen Café, sah dann aber, in welcher Fülle sie in Tübingen bereits vorhanden sind. So stieg sie in eine andere Branche ein. Sie hatte ja schon als Haushaltshilfe gearbeitet. Warum nicht mit einem Wasch- und Bügelservice auf eigenen Beinen stehen?

Es braucht nur einen kurzen Blick in die Stube, um zu verstehen, dass man inmitten dieser Wäscheberge kaum wohnen kann. Anfangs trennte sie den privaten Wohnbereich mit einer Stellwand ab. Aber das funktionierte nur für kurze Zeit. „Dann bat ich meine jüngste Tochter auszuziehen, damit ich ihr Zimmer als Trockenraum nutzen kann“, sagt Jaqueline Schreiner. Nach fünf Jahren war das Geschäft so erfolgreich, dass sie sich ins Haus ihrer Schwiegermutter einmietete. Zwei Stockwerke, Geranien vor den Fenstern. Ein Fassadenschild, auf dem steht: „Jaquelines Bügelstube“. Die Bushaltestelle gleich vor der Haustür.

Jaqueline Schreiner nimmt ein Pyjamaoberteil aus dem Korb mit der frischen Wäsche. Sie hebt es hoch und seufzt. Schlechter Stoff. Die Naht ganz verzerrt. Sie setzt das Bügeleisen an, glättet zwei Zentimeter über der Naht, hebt den Stoff, zupft wieder, bügelt dann die nächsten zwei Zentimeter – und so weiter.

Am oberen Ende des Bügelbretts sortiert Jaqueline Schreiner die gebügelte Kleidung: T-Shirt auf T-Shirt, Bluse auf Bluse, Hose auf Hose. Am Ende wird Jaqueline Schreiner die vom Dampf feuchte Wäsche zurück in den Korb legen und über Nacht im hinteren Teil der Wohnung trocknen lassen.

Tochter Katharina arbeitet neben ihrer Mutter. Sie benutzt einen Schreibblock als Hilfsmittel für das akkurate Falten der Wäsche. Zwischendurch bekommt sie immer wieder eine kurze Umarmung auf Kniehöhe, wenn Mina sich auf sie stürzt.

Jaqueline Schreiner ist um halb sechs morgens in der Stube. Um sechs beginnt sie mit der Arbeit. Um acht öffnet sie die Stube für Kundschaft. Um zehn geht das ewige Geklingel und Geläute los. Jaqueline Schreiner sieht die Kunden bereits vom Fenster aus. Sie lächelt dann schon, bevor sie die Türe öffnet, nimmt die Schmutzwäsche entgegen, winkt zum Auto, in dem meistens der Mann wartet, während die Frau die vollen Körbe abgibt.

Viele Kunden sind alleinstehende Männern und kinderreiche Familien. Auch Restaurants, Friseure und Zahnärzte bringen ihre Kleidung und Tischdecken vor- bei. Und viele junge Menschen, die kein eigenes Bügeleisen haben, wie sie behaupten.

Jaqueline Schreiner verlangt 2,40 Euro für ein langes Hemd, 60 Cent pro Boxershorts und 4,80 Euro für „französische Leintücher“. Eine ausführliche Preisliste hängt im Flur neben Tipps und Tricks bei der Pflege von gemangelter Wäsche: „Nicht mit eingecremten Händen anfassen“ – „Nicht in Seifenwasser legen.“ Die Wände sind dekoriert mit vielen Kinderzeichnungen. Ein Gedicht der zweitältesten Enkelin Amy hängt an der Tür zum Arbeitsplatz:

Die Bügelstube

Die Bügelstube ist

Die Bügelstube ist so

Die Bügelstube ist so toll

Die Kunst der Bügelns birgt viele kleine Geheimnisse. Jaqueline Schreiner kennt sie fast alle. Ein Tipp: Hemden immer von links bügeln. „Vorne bei der Knopfleiste anfangen, dann der Kragen, als Letztes die Ärmel.“ Die Kleider nicht zusammenlegen, sondern über Nacht auf den Kleiderbügel hängen: „Sie sind ja leicht feucht, und dann gäbe es gleich wieder Falten.“

Tochter Katharina legt behutsam eine Hand auf den Hemdenstapel neben sich. „Ein besonders penibler Kunde“, sagt sie. „Als er das erste Mal kam, sagte er uns gleich, seine Mutter bügele seine Hemden immer ganz ausgezeichnet!“

Die Arbeit nimmt für Jaqueline Schreiner nie wirklich ein Ende. Wenn sie abends die Stube schließt, bügelt und faltet sie meistens noch stundenlang weiter. Im vergangenen Jahr bekam sie von den gleichförmigen Bewegungen einen Ten- nisarm. Katharina musste schon wegen einer Sehnenscheidenentzündung zum Arzt. Seitdem gehen Mutter und Tochter gemeinsam ins Fitnessstudio.

Es gibt Nächte, da träumt Jaqueline Schreiner sogar vom Bügeln. Und es gibt Tage, da hört sie das Telefon klingeln, obwohl gar keiner anruft.