Würden Sie diesen Mann entlassen?

Erschienen in: Die ZEIT Nr. 23/2020

Zusammenarbeit mit Anna-Sophie Barbutev

Nominiert für den Reporterpreis 2020

Die Szene einer Weihnachtsfeier gelangt ins Netz: Eine Banane klemmt zwischen den Schenkeln des Chefarztes, eine philippinische Pflegerin kniet vor ihm und versucht, sie mit dem Mund zu schälen.

Ein Lachen auf dem Gesicht, der Kopf vor Vergnügen gerötet, eine Banane zwischen die Oberschenkel geklemmt: So sitzt er da, Prof. Dr. med. Rupert Handgretinger, 65, Onkologe und Chefarzt in der Kinderklinik am Universitätsklinikum Tübingen (UKT), in Anzughose, Hemd und grauer Weste. Eine seriöse Erscheinung – bis auf das Obst.

 

Dass dieser Schnappschuss von einer Weihnachtsfeier Handgretingers Karriere am UKT beenden könnte, liegt allerdings nicht an der Frucht. Sondern daran, dass eine philippinische Krankenschwester vor dem Arzt kniet. Als Nächstes wird sie, angefeuert von der Runde, mit ihren Zähnen die Banane schälen.

 

Von dieser Szene weiß fast jeder in Tübingen, seit das Foto im Januar der Presse zugespielt wurde. Strittig ist bis heute, was man darauf sieht: ein harmloses Partyspiel? 

 

Das beteuern die zwei Beteiligten und die übrigen Gäste, die fast alle der philippinischen Community im Pflegepersonal angehören. Oder die obszöne Herabsetzung einer jungen asiatischen Frau durch einen alten weißen Mann? So wertet es der Personalrat des Klinikums. Er hat arbeitsrechtliche Konsequenzen für den Chefarzt und eine weitere beteiligte Führungskraft gefordert. Was geschah wirklich an diesem Abend – und was sollte daraus folgen? Eine Rekonstruktion in fünf Akten.

 

 

ERSTER AKT – BANANA-EATING

Francis Komkai, Krankenpfleger am UKT: Ich habe die Feier mitorganisiert – wie fast jedes Jahr, seit ich 2014 mit der ersten Gruppe philippinischer Pflegekräfte nach Tübingen gekommen bin. Viele Pinoy, so nennen wir Filipinos uns selbst, verbringen die Feiertage in der Heimat. Alle, die keinen Urlaub bekommen, feiern mit uns im Krankenhaus.

 

Angeline Escarda, Krankenpflegerin: Die Weihnachtsfeier ist die einzige Möglichkeit für uns, die Landsleute kennenzulernen, die im Laufe des Jahres neu an das UKT gekommen sind. Wir arbeiten hart, deshalb finden wir sonst kaum Zeit dafür. Es waren nur Leute aus unserer Community eingeladen, mit Ausnahme von fünf Deutschen, die uns besonders nahestehen.

 

Francis Komkai: Herrn Handgretinger luden wir als Ersten ein. Er durfte auf keinen Fall fehlen.

 

Prof. Rupert Handgretinger, Chefarzt: Die Philippinen sind meine zweite Heimat. Meine Frau, mit der ich vierzig Jahre verheiratet war, kam von dort. Durch sie lernte ich die Sprache und die Kultur kennen. Seit 2014 unterstützten wir gemeinsam die philippinischen Mitarbeiter am Klinikum. Leider ist sie vor zwei Jahren an Krebs gestorben.

 

Angeline Escarda: Etwa um 17 Uhr begannen wir mit der Feier. Wir sangen zuerst die philippinische Nationalhymne, danach die deutsche. Und wir haben gemeinsam gebetet.

 

Francis Komkai: Dann begrüßte ich alle Gäste. Herr Handgretinger sagte auch ein paar Worte, natürlich auf Tagalog, unserer Landessprache.

 

Angeline Escarda: Wir haben Tänze vorgeführt und Weihnachtslieder gesungen. Dann war ein Spiel an der Reihe.

 

Francis Komkai: Wir spielten zuerst Balloon- Popping. Da legt sich jemand einen Ballon auf den Schoß, und eine andere Person muss sich so daraufwerfen, dass der Ballon platzt.

 

Handgretinger: Leider wurde ein deutscher Kollege, ebenfalls eine Führungskraft am UKT, dabei fotografiert – ausgerechnet in der Zehntelsekunde, als eine Filipina auf seinem Schoß sitzt. Auch dieses Bild wurde später an den Personalrat weitergeleitet. (Da dieser Arzt nicht mit der ZEIT sprechen wollte, wird sein Fall hier nicht weiter erörtert.)

 

Angeline Escarda: Dann haben wir gemeinsam gegessen: Lechon, philippinisches Spanferkel. Herr Handgretinger hatte das bezahlt – es war sein Weihnachtsgeschenk für uns. 

 

Handgretinger: Alkohol gab es keinen, viele mussten ja am nächsten Tag wieder früh arbeiten. Nach dem Essen kam das Banana-Eating-Spiel.

 

Angeline Escarda: Dabei geht es vor allem um Geschicklichkeit: Eine Person klemmt sich eine Banane zwischen die Beine, eine andere muss sie schälen und essen – ohne die Hände zu benutzen!

 

Yanina Flores, Krankenpflegerin: Ich bin die Frau auf dem Foto. Für mich war das einfach ein Spaß. Herrn Handgretinger kannte ich vorher nicht. Ich wusste nicht mal, dass er Chefarzt ist. Aber mich hat beeindruckt, wie gut er unsere Kultur kennt. Und mir gefiel, dass er bei den Spielen mitmachte und nicht schüchtern war. So was erlebt man selten in Deutschland.

 

Handgretinger: Yanina und ich waren die Langsamsten aus der Gruppe, wir mussten beide sehr lachen. Sie trägt nämlich eine Zahnprothese, und die wäre ihr beim Schälen fast rausgerutscht.

 

 

ZWEITER AKT – DER BRIEF

Francis Komkai: Am 29. Dezember rief mich Doktor Handgretinger an: Der Personalrat besitze Fotos von den Spielen. Eine Kollegin hatte sie wohl auf ihre Facebook-Seite gestellt, um ihrer Familie auf den Philippinen zu zeigen, wie viel Spaß sie in Deutschland hat. Ich rief sie sofort an und sagte: »Lösch alles!« Aber da war es schon zu spät.

 

Handgretinger: Zwei deutsche Mitarbeiterinnen hatten die Bilder offenbar gesehen und einen Brief an den Klinikvorstand geschrieben: Sie schämten sich, in einer Institution zu arbeiten, in der »so was« passiert. In einer anonymen Mail wurde mir damit gedroht, meinen Namen der Presse zu nennen. Mein Kollege und ich wurden von Vorstand und Personalrat zu einem Gespräch geladen. Dort erklärten sie uns, dass der Personalrat unsere Entlassung fordert.

Prof. Michael Bamberg und Gabriele Sonntag, Vorstand des UKT: Nach zahlreichen Gesprächen mit den Veranstaltern der Weihnachtsfeier, den Beteiligten, Kennern der philippinischen Kultur, einem Ethiker und dem Aufsichtsrat hat sich die Einschätzung

manifestiert, dass das Verhalten der Führungskräfte unreflektiert war und nicht wieder vorkommen darf. (Die Klinikleitung wollte sich der ZEIT gegenüber nur schriftlich äußern.)

 

Francis Komkai: Der Personalrat lud auch Yanina und mich zum Gespräch. Wir baten sie darum, aufgrund eines einzigen Bildes nicht unsere ganze Kultur zu verurteilen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, gehört zu werden. Der Personalrat sagte zu uns: »Eure Seite brauchen wir nicht mehr.«

 

Yanina Flores: Ich versuchte zu erklären, dass es für mich keine sexuelle Belästigung war, gar nicht!

 

Lena Mayr, Personalratsvorsitzende: Wir haben mehrere Gespräche mit den philippinischen Kolleginnen und Kollegen geführt, in denen sie uns eindeutig bestätigt haben, dass der Kontext für sie selbstverständlich auch ein sexueller ist. [...] [Wir möchten] betonen, dass die philippinischen Pflegekräfte keinerlei Schuld trifft. Die anwesenden Führungskräfte allerdings [...] hätten die Kolleginnen vor klischeebehafteter Be- und Verurteilung schützen müssen. (Auch der Personalrat wollte nicht mit der ZEIT reden. Allerdings haben sich dessen Mitglieder in privaten Leserbriefen an das »Schwäbische Tagblatt« geäußert, aus denen wir hier und im Folgenden zitieren.) 

 

Handgretinger: Ich verstehe ja, dass jemand über das Foto die Nase rümpft. Das Banana-Eating-Spiel sieht komisch aus, wenn man den Kontext nicht kennt. Aber mein Lachen wurde so ausgelegt, dass ich mich freue, eine Frau öffentlich zu erniedrigen. So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen.

 

Doris Bacalzo, Ethnologin und Expertin für philippinische Kultur: Auf den Philippinen sind Banana-Eating oder Balloon- Popping beliebte Gesellschaftsspiele. Die sexuellen Bezüge dabei sind klar. Schwerer jedoch ist es, diese zu bewerten. Besonders problematisch sind schnelle Einschätzungen aufgrund von kulturellen Zerrbildern. Die historische Forschung zeigt, dass vor der Kolonialherrschaft die sozialen Beziehungen auf den Philippinen egalitärer waren. Frauen genossen weitaus mehr Autonomie,und Sexualität war nicht durch eine moralische und politische Ideologie geregelt, die Männer privilegierte. Bei einem Vorfall wie dem im UKT würde ich fragen, welche Beziehungen die Teilnehmenden jenseits des Spiels zueinander hatten, ob alle gleichermaßen mitmachten und vor allem, ob jemand sich unwohl oder genötigt fühlte. Außerdem spielt die Frage eine Rolle, wie das Verhältnis zwischen den deutschen und den philippinischen Angestellten insgesamt ist. Was man auch nicht vergessen sollte: Bananen wachsen überall auf den Philippinen. Sie sind so selbstverständlich wie Äpfel bei uns – und manchmal einfach nur Bananen.

 

Angeline Escarda: Auf unserer Feier haben sich auch viele Frauen Bananen zwischen

die Beine geklemmt. Davon gibt es ebenfalls Bilder. Die interessierten aber niemanden.

Handgretinger: Für mich war es klar, dass ich mitspielen würde. Was hätten die Filipinos

sonst von mir gedacht?

 

Francis Komkai: Herr Handgretinger ist unser »Daddy Doc«, seine Frau war für uns »Mami Marina«. Seit wir hier in Deutschland sind, ist er wie ein Vater für uns. Er ist immer da, wenn wir Fragen oder Probleme haben.

 

Lothar Kanz, kürzlich emeritierter Onkologe am UKT: Um ehrlich zu sein, hätte es mich eher gewundert, wenn Handgretinger bei den Spielen nicht mitgemacht hätte. Natürlich wäre so etwas bei einer klassischen betrieblichen Weihnachtsfeier undenkbar. Da müsste ein Vorgesetzter sofort einschreiten. Bei diesem Fest allerdings war die philippinische Community unter sich. Die hatten Handgretinger dabei, aber er und seine Frau gehören schon seit vierzig Jahren zu diesem Kreis. Fühlte sich irgendjemand bei diesen Spielen unangenehm berührt? Offensichtlich nicht. Unangenehm berührt sind nur jene Leute, die das mitbekommen haben und sich vorstellen, es wäre auf ihrer Feier passiert. Das kann ich verstehen. Aber es ist eben nicht auf ihrer Feier passiert.

 

 

DRITTER AKT – MENSCHEN MACHEN FEHLER

Handgretinger: In einem Video im Klinik- Intranet entschuldigt sich der Vorstand für die Aufregung um die philippinische Weihnachtsfeier. Herr Bamberg sagte wörtlich: »Menschen machen Fehler.«

 

Bamberg und Sonntag: Dem Vorstand war klar, dass es zu diesem Ereignis unterschiedliche Einschätzungen gibt. Dazu wollte er zügig Stellung nehmen und die Mitarbeitenden flächendeckend informieren. Die Vorstände äußerten Unverständnis über das Mitmachen der Führungskräfte, hoben ab auf die Fehlerkultur, betonten, dass das kulturelle Verständnis und Miteinander weiter erhöht werden müsse.

 

Handgretinger: Die beiden blickten so ernst in die Kamera, dass ich zunächst dachte, die berichten jetzt, dass das Klinikum bankrott ist.

 

Francis Komkai: Dieses Video hat viel Aufregung verursacht. Ich hatte es noch gar nicht gesehen, da wurde ich schon von einem deutschen Kollegen auf dem Flur darauf angesprochen. Mich und meine philippinischen Kollegen hat das sehr gestresst. Wir fühlten uns schuldig, weil Herr Handgretinger durch uns Probleme bekam.

 

Handgretinger: Ich habe in Tübingen einen Ruf zu verlieren. Es hat mich mehr mitgenommen, als ich zuerst wahrhaben wollte. Ich bin kein Frauenheld. Die Bilder von der Weihnachtsfeier wurden immer weiter verbreitet, und plötzlich hieß es, der Personalrat bekomme laufend Anrufe von Mitarbeitern, die nicht mehr arbeiten könnten, weil sie so schockiert seien.

 

Angeline Escarda: Gleich nach Francis’ Gespräch mit dem Personalrat haben wir Pinoy einen Brief nachgereicht. Darin stand: »Wir hatten nicht die Absicht, einige unserer Kolleginnen zu verärgern.« Wir haben Unterschriften von Gästen der Feier gesammelt

und noch einmal klargestellt, dass niemand bedrängt worden ist.

 

Hanna Schulz, Personalratsmitglied: Menschen, die in unserem Kulturkreis sozialisiert sind, assoziieren beim Blick auf diese Sexspielchen mit Vorgesetzten leicht ein Klischee [...]: das des (reichen) Europäers, der sich der Sexdienstleistung asiatischer Frauen bedient. Im Gegensatz zu den philippinischen Kolleg(inn)en sind die am Spiel beteiligten Führungsräfte mit den Deutungsmustern unseres Kulturkreises vertraut und hätten die ihnen anvertrauten Pflegekräfte vor dieser Situation schützen müssen. Als hohe Funktionsträger vertretensie das Klinikum [...] nach innen und außen. Ihre Integrität ist in beide Richtungen beschädigt und damit auch der Ruf des Universitätsklinikums.

 

VIERTER AKT – DER SCHWÄBISCHE WEINSTEIN

Ulla Steuernagel, Redakteurin beim »Schwäbischen Tagblatt«: Ende Januar bekamen wir das Video durch eine anonyme Mail zugespielt. Ich ahnte gleich, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste. Die beiden Vorstände wirkten sehr nervös und lasen einen vorformulierten Text ab. Zwei Stunden später kam dann schon das Bananen-Foto. Ich dachte nur: Mann, ist das peinlich! Es war bald klar, dass diese Geschichte der Aufmacher werden musste. Bananagate! Der Personalrat ließ sich mit den Worten zitieren: »Man muss sich überlegen, ob die beiden Herren weiterhin im Hause arbeiten sollen.« Wir entschieden aber, das Foto nicht zu zeigen und auch keine Namen zu nennen. Wir sind ja nicht die Bild-Zeitung.

 

Handgretinger: Nachdem der Artikel in Umlauf war, erzählten mir die Pinoy, dass sie sich von Kollegen gemobbt fühlten. Den Frauen wurde unterstellt, dass sie eine niedere Moral hätten und Lustmolchen wie mir als Sexobjekte dienten. Eine Pflegerin wurde als »Bananenschwester« verhöhnt! Da rief ich sofort Frau Steuernagel an und schilderte ihr meine Sicht auf die Dinge.

 

Angeline Escarda: Nach dem Artikel wurde es noch schlimmer. Jeden Tag erschienen neue, empörte Leserbriefe und Kommentare im Internet. Ein Mann schrieb auf Facebook, seine Tochter hätte am Klinikum studieren wollen. Nun sei ihr die Lust vergangen.

 

Handgretinger: Es gab auch wohlwollende Briefe, aber manches fand ich unfair. In einer Zuschrift wurde ich mit Harvey Weinstein verglichen.

 

Sabine Schneiderhan, Beauftragte für Chancengleichheit am UKT: In der Kritik an den »Spielen« geht es nicht um #MeToo. Es geht um das Bild kniender, sich unterwerfender Frauen in einer betrieblichen Veranstaltung. [...] Es geht um die Beteiligung der Führungskräfte an diesem Frauenbild und um die dadurch ausgelöste Botschaft, welche Frauenrolle am (durchaus hierarchisch strukturierten) UKT scheinbar witzig und tolerabel ist. Über 70 Prozent der UKT-Beschäftigten sind Frauen, in der Pflege über 80 Prozent. Im Übrigen haben sich die Klischees leider unmittelbar bestätigt, niveaulose Kommentare sind schon gefallen. Wie schrecklich für unsere philippinischen Kolleginnen. Von asiatischen Kulturen ist bekannt, dass sie sehr höflich sind und ungern mit »Nein« oder offener Ablehnung auf Situationen reagieren, die dies erfordern würden. (Zitiert aus einem Leserbrief an das »Schwäbische Tagblatt«. Auch Frau Schneiderhan verweigerte ein Gespräch mit der ZEIT.)

 

Francis Komkai: Die behandeln uns wie Kinder. Jemand bezeichnete Yanina als »Mädchen« – sie ist 32 Jahre alt!

 

Angeline Escarda: Ich habe nicht den Eindruck, dass der Personalrat uns ernst nimmt. Sie erklären uns ständig, es gehe gar nicht um uns. Dabei ist immer die Rede von der philippinischen Weihnachtsfeier, von den philippinischen Arbeitskräften – wie kann

uns das nichts angehen? Dass unsere Kultur hier so wenig gilt, belastet uns bei der Arbeit. Viele von uns sind bereit zu kündigen, wenn das so weitergeht.

 

Handgretinger: Genau das haben früher die Kolonialherren gemacht: den Leuten erklären, was Moral ist und wie sie sich zu benehmen haben. Das ist sehr demütigend, gerade wenn es um so etwas Sensibles wie Sexualität geht. Ich denke in letzter Zeit viel über unsere westliche Moral nach. Für die Pinoy, die streng katholisch sind, ist zum Beispiel unverständlich, dass Prostitution hier legal ist, ich also als Chefarzt ins Bordell gehen dürfte. Wenn ich mich aber bei einem harmlosen Partyspiel fotografieren lasse, wird daraus ein Entlassungsgrund.

 

 

FÜNFTER AKT – FÜHRUNGSKRÄFTE SIND VORBILDER

Angela Hauser, Personalratsmitglied am UKT: Am Uni-Klinikum gibt es Leitsätze für Führungskräfte, zum Beispiel »Eine Führungskraft ist Vorbild« und »Sie verhält sich wertschätzend anderen Menschen gegenüber «. [...] Solche Weihnachtsfeiern würden Bill Clinton und Boris Becker gefallen, sind aber an einer Uni-Klinik nicht akzeptabel, um in Prof. Bambergs Worten zu sprechen. Ist es dann akzeptabel, dass diese Führungskräfte weiter am UKT wirken und Entscheidungen über Beschäftigte fällen können?

 

Prof. Julia Skokowa, Onkologin am UKT: Entlassungen wären völlig überzogen. Ich bin selbst Ausländerin und vor zwanzig Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen. Gerade jetzt, in Zeiten des Fachkräftemangels, sollten wir auf die Kultur ausländischer Mitarbeiter mehr Rücksicht nehmen.

 

Bamberg und Sonntag: Das Klinikum ist nicht der Arbeitgeber der beiden Führungskr.fte und entscheidet insofern auch nicht über eine Entlassung. Vielmehr ist dies für die eine Führungskraft der Rektor der Universität [Handgretinger], für die andere der Aufsichtsrat des UKT. [...] Dieser sieht jedoch über die bereits seitens des Klinikvorstands eingeleiteten internen Maßnahmen zur Verbesserung des interkulturellen Verständnisses keinen Handlungsbedarf. Die Universität weist darauf hin, dass es sich um ein laufendes Verfahren handelt, zu dem sie daher derzeit keine Stellung bezieht.

 

Handgretinger: Mein Anwalt fragt: Wo ist das Verbrechen? Ich bereue nicht, diese Spiele gespielt zu haben. Und sollte es mich nun doch meine Stelle kosten, gehe ich aufdie Philippinen. Das ist sowieso mein Plan für den Ruhestand: im Heimatort meiner

Frau mit krebskranken Kindern arbeiten.

 

Yanina Flores: Für mich ist die Sache abgeschlossen. Wenn jemand einen Fehler macht, dann ist es wichtig, dieser Person zu verzeihen. In unserer Kultur vergeben wir einander. Ich verstehe nicht, warum der Personalrat Herrn Handgretinger nicht vergeben kann.

HINTER DER GESCHICHTE

Wir entdeckten den Fall in der Tübinger Lokalpresse. Wir kontaktierten Rupert Handgretinger, der erst ein Gespräch ablehnte, dann aber einwilligte, seine Sicht der Geschehnisse zu erzählen. Wir recherchierten über zwei Monate lang und befragten acht weitere Angestellte des Klinikums: zwei Ärzte sowie sechs Pfleger und Pflegerinnen. Deren Namen wurden auf ihren Wunsch im Text geändert. Der Personalrat und die Gleichstellungsbeauftragte der Klinik waren trotz mehrfacher Bitten zu keinem Gespräch mit uns bereit. Der Vorstand reagierte auf unsere Fragen erst nach Wochen durch eine Nachricht der Pressestelle. Den Autorinnen wurde nahegelegt, nicht über den Fall zu schreiben, »um den Filipinos einen Gefallen« zu tun.