Seit Corona sind Sonnenaufgänge ein Publikumsspektakel

Um meinem Alltag in der freiwilligen Quarantäne eine Struktur zu geben, gehe ich frühmorgens regelmäßig raus und sehe mir den Sonnenaufgang an. Ich bin nicht die einzige. Wird der Sonnenaufgang zum neuen Gemeinschaftserlebnis?

Kurz bevor die Sonne aufgeht, tasten sich ihre Strahlen die Berghänge entlang, wandern über die Spitzen und färben den Himmel rosa und orange. Die Landschaft flimmert sanftblau im ersten Licht des Tages, es ist, als läge ein Heiligenschein auf der Welt. Es gibt nichts, was diesen andächtigen Augenblick stören könnte, außer–

»Boah, Alter, ist das kalt, ey!«

Es ist 06:41, der 9. April. In zwei Minuten geht die Sonne auf. Von der Spitze des Reutlinger Georgenbergs hat man eine wunderbare Aussicht auf die umliegende Hügellandschaft, in deren Schatten die noch schlafende Stadt liegt. Ich suche hier die meditative Stille des frühen Morgens, aber um mich herum sind elf andere Leute. Auch sie wollen das Spektakel des Sonnenaufgangs erleben.

 

Allein in Reutlingen

Seit vier Wochen lebe ich allein in Reutlingen. Meine beiden Mitbewohner:innen sind zu ihren Eltern gezogen, ebenso die meisten meiner Kommiliton:innen. Ich dachte lange darüber nach, es ihnen gleichzutun, aber meine Familie lebt in der Schweiz. Zwischen uns liegt eine geschlossene Grenze.

In meiner ersten Woche der Reutlinger-Isolation stehe ich jeden Morgen um halb fünf auf und wandere auf Reutlingens Hügel, um den Sonnenaufgang zu sehen. Es ist die Angst, die mich hinaustreibt: Ich habe Angst davor, bald nicht mehr aus dem Bett zu kommen. Angst davor, dass der Schlafanzug mit meiner Haut verwächst. Und ich habe Angst vor der Verwahrlosung, der ich mich selber überlassen könnte.

Nach dem Sonnenaufgang ist der Tag noch lang

Die Sonnenaufgänge lösen etwas in mir. Sie sind die leise Gewissheit, dass sich die Welt weiterdreht, ganz egal, was das Internet mir erzählt. Solange die Wolken am Morgen noch rosa sind, scheint nicht alles verloren. Vielleicht sollten wir alle öfter der Sonne zusehen, denke ich jedes Mal. Vielleicht fühlten wir uns dann alle mehr mit der Welt verbunden, in der wir leben.

Es gibt andere Tage, da fällt mir die Zuversicht schwerer. Wenn ich um acht Uhr schon geduscht und gefrühstückt habe, macht sich in mir die Gewissheit breit, dass noch ganz schön viel Tag vor mir liegt, während der beste Teil des Tages bereits hinter mir liegt. An diesen Tagen ziehen sich die Stunden bis zum Abend. Die Einsamkeit fühlt sich an wie Langeweile. Eine Art von Ennui ist das, ein Lebensüberdruss, bei dem ich mich für nichts begeistern kann und sich in mir das Bewusstsein breitmacht: Ich bin allein, ganz allein in Reutlingen.

Soziale Distanz? Nicht beim Sonnenaufgang!

»Freundlich zu sich selber sein, ist eine der größten Freundlichkeiten«, lese ich auf dem Instagram-Profil einer Buchhandlung. Es ist niemand anderes da, zu dem ich freundlich sein könnte. Also dusche ich, bis kein warmes Wasser mehr da ist. Also gebe ich mir das größte Recht auf Selbstmitleid. Schokoladeneis zum Frühstück. Nutellabrote zum Abendessen. Müsli um Mitternacht. Ich lasse die Augenblicke des Glücks, wenn ich sie nicht wahrnehmen kann, ziehen. Ständig zuversichtlich sein, macht müde. Das wird mir erst jetzt klar.

Soziale Distanz bedeutet viel Leere. In den Straßen, in der Kultur, im Leben. Aber wenn am Morgen die Sonne aufgeht, ist es wieder da, dieses vertraute Gefühl: Wie nervig die Mitmenschen doch sind, die nicht stillhalten können, weder im Kino noch im Theater noch beim Sonnenaufgang. Vor allem: die es wagen, ebenfalls da zu sein, wenn ich diesen stillen Moment der Morgenröte alleine genießen möchte.

 

Es ist 06:49. Die Sonne ist eine gleißende Kugel, die über den Horizont rollt. Es ist ein bisschen magisch, das scheint sogar der fröstelnde »Boah-Alter!« von vorhin zu merken, der jetzt anerkennend durch die Zähne pfeift. Und irgendwie, denke ich dann, als die Welt vor mir in goldenes Licht getaucht wird, ist es doch schön: Der Sonnenaufgang ist zum Gemeinschaftserlebnis geworden.